Der Basilisk zu Forchheim

Leseprobe


Der Basilisk zu Forchheim

Der Basilisk zu Forchheim, historischer Roman, 256 Seiten,
Hardcover mit Schutzumschlag, 14,80€, ISBN 3-00-015720-4

Die Vorgeschichte

 

Erzählt von Arndt Beucker

 

Es war vor einigen Monaten im Jahre des Herrn 1507, dass ich meine Heimatstadt Nürnberg und meine Mutter, meine Brüder und Schwestern verlassen hatte. Nürnberg entkam ich mit Freuden, meine Mutter verließ ich mit einem nur mühsam unterdrückten Gefühl der Trauer. Ich wusste genau, dass es ihr ebenso erging. Gleichzeitig aber erfüllte mich mit unbändiger Freude, dass ich den engen Gassen meiner Heimatstadt entfliehen konnte. Ich hoffe, Gott der Allmächtige wird mir verzeihen! Aber das Gefühl der Freude hatte es nicht schwer, Oberhand zu gewinnen über die Trauer, meine Familie zurückzulassen.

Es sollte meine erste lange Reise werden, mein Großonkel hatte aus Lissabon geschrieben, wo er sich seit einigen Jahren niedergelassen hatte und seit dem Tod seines hochherrschaftlichen Gönners ein bescheidenes Leben fristete. Wie bescheiden, das sollte ich erst erfahren, als ich nach mehrwöchiger Reise zuerst nach Antwerpen kam und dann auf dem Seeweg in Lissabon eintraf.

Ein anderer Verwandter, der jüngste Bruder meines Onkels, der ebenfalls in Lissabon lebte, war kurz vor meiner Ankunft überraschend gestorben und – da er ein bedeutender Kaufmann war – mit großem Pomp beigesetzt worden. Ich habe ihn niemals kennen gelernt. Aber die vielen Gerüchte und bösen Geschichten, die weit über den Kreis meiner Familie hinaus in Nürnberg, Lyon und Lissabon über den Streit zwischen dem ältesten und dem jüngsten der Brüder erzählt wurden, verdeutlichten auch einem so unerfahrenen Menschen wie mir, dass brüderliche Liebe das letzte der Gefühle gewesen sein dürfte, das zwischen den beiden geherrscht hatte. Obwohl ein wunderliches Schicksal sie in ihrer beider letzten Lebensjahre weit entfernt der Heimat wieder fast zusammengeführt hatte. Doch, wie man mir erzählte, sind sie sich in Lissabon sorgfältig aus dem Weg gegangen und trafen sie sich dennoch einmal zufällig, so war ein kurzes, wortloses Nicken der einzige Gruß gewesen, den sie sich gegönnt hatten.

Nun war ich unerwartet früh wieder zurückgekehrt. Auf einem umständlichen und langwierigen, ebenso beschwerlichen und kaum weniger gefährlichen Landweg, als dem doch bequemeren Seeweg, vor dem mich mein Onkel so eindringlich gewarnt hatte. Ich entsprach damit seiner letzten Bitte. Denn nur wenige Monate, nachdem sein jüngster Bruder gestorben war, ereilte auch ihn der Tod.

Er hatte es mir freigestellt, wann ich seinen Auftrag erledigen sollte.

Ich traf ihn in Lissabon in nachgerade unwürdigen Verhältnissen an. Ausgezehrt und krank lebte er in zwei winzigen Kammern unter dem Dach. Die Witwe, der das baufällige Haus gehörte, war selbst schon alt und gebrechlich, so dass sie nicht mehr in der Lage war, ihren Mietern die Mahlzeiten zuzubereiten, für die sie die Frau bezahlten. Sein Leibrock starrte vor Schmutz, die Kammern rochen schlechter als die enge Gasse, in der sich der Unrat aus den Häusern sammelte, ohne dass ein Bächlein, wie hier in Forchheim, dafür sorgte, dass sie fortgespült wurden. Nur wenn es regnete, und es regnete sehr selten, schwemmte es den Dreck hügelabwärts in einen Graben. Schweine und Ratten teilten sich die staubige Gasse und schienen die eigentlichen Bewohner dieser Gegend zu sein. Die Menschen, die hier wohnten, versuchten sich im Schatten ihrer Behausungen zu verstecken, als wären sie überhaupt nicht vorhanden, als gäbe es sie nicht.

Was war übrig geblieben vom Ruhm meines Onkels? Wer kümmerte sich hier in dieser ärmsten Ecke Lissabons darum, dass er Jahre zuvor von König João II. in den Adelsstand erhoben und zum Ritter geschlagen worden war?

Ihm selber aber bedeutete diese rasch verblasste Ehre trotz oder vielleicht auch gerade wegen seiner Lage sehr viel. Und schon bald nach meiner Ankunft in Lissabon begann ich zu verstehen, wie viel sie ihm bedeutete und warum. Hatte ich nicht selbst dieses tiefe Gefühl der Befreiung empfunden, als ich die Mauern Nürnbergs hinter mir ließ? Wie sehr muss er es vor einigen Jahrzehnten genossen haben, die Enge der patrizischen Welt mit ihren tausend ungeschriebenen Regeln und Vorschriften zu verlassen, um sein Glück in der Fremde zu suchen, auch wenn ich heute weiß, dass er es niemals gefunden hat.

Ein grob gezimmerter, vierrädriger Karren war das einzige Vermächtnis, das mir von meinem Onkel und Lissabon blieb. Und sein unter Tränen von mir erbetener Auftrag, den ich nun versuchte, in die Tat umzusetzen. Dieser Auftrag war ihm wichtiger als sein Seelenheil. Denn es war ihm gleichgültig, wie viele Messen für ihn nach seinem Tod gelesen würden und ob sein Grab genauso prächtig ausschauen würde wie das seines jüngsten Bruders.

”Verscharr meinen Leib! Es ist mir egal”, keuchte er von Auszehrung gezeichnet, ”aber bring diesen Kasten zu Lorenz nach Bamberg. Ich besitze nicht mehr viel, doch versprich mir, dieses Geld nicht für unnütze Gebete und eine aufwendige Beerdigung zu verschwenden. Nimm es für deine Reise und versprich mir, dass du über Land fährst. Nimm nicht den Seeweg! Hörst du! Er ist zu gefährlich! Sorge dafür, dass diese Kiste sicher und wohlbehalten nach Bamberg kommt!” Dies war sein letzter Wunsch und ich versprach ihm auf seinem Totenbett, dieser Bitte in allen Einzelheiten nachzukommen.




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