Der Basilisk zu Forchheim, historischer Roman, 256 Seiten,
Hardcover mit Schutzumschlag, 14,80€, ISBN 3-00-015720-4
Vor einiger Zeit war er in die Hände von Seeräubern gefallen und ihnen mehr als ein Jahr später mehr tot als lebendig wieder entkommen. Deshalb hatte er mir auf seinem Sterbebett abverlangt, seine wertvolle Fracht über Land zu transportieren.
Doch kaum hatte ich spanischen Boden betreten und den Tajo bei Alcántara überquert, wurde ich von einem einzelnen Reiter in raschem Galopp überholt. Er war so schnell vorbei, dass ich noch nicht einmal den Hut ziehen und ihn grüßen konnte. Kaum war er vor dem Wagen riss er sein geschundenes Pferd zur Seite, ließ es über einen Graben setzen und verschwand seitlich des Wegs hinter einigen hohen Hecken.
Es war offensichtlich, dass er die Deckung meines Karrens ausgenutzt hatte. Denn nur wenig später ertönte das Getrappel zahlreicher weiterer Reiter, die kaum, dass auch sie mich überholt hatten, anhielten. Sie verteilten sich vor mir auf dem Weg, so dass auch die Mähre, die meinen Wagen zog, einfach stehen blieb. Es waren ein Dutzend Reiter alle in Harnisch und Helm, einige mit Armbrüsten andere mit Spießen und Schwertern bewaffnet. Wild sahen sie sich nach allen Richtungen um, dann kamen drei von ihnen zum Wagen. Ihre finsteren Gesichter und ihre in der Sonne funkelnden Waffen verhießen nichts Gutes.
“¡Alto!”, rief einer der Bewaffneten, als er auf seinem Pferd heranpreschte.
Dabei war ich mit meinem Karren längst stehen geblieben. So viel Spanisch verstand ich. Doch seine nun auf mich herabprasselnde Wortflut konnte ich nur mit einem Schulterzucken beantworten. Ich bemühte mich, ihm mit einer unbeholfenen Mischung aus Portugiesisch, Italienisch und Latein zu verstehen zu geben, dass mir seine Worte unbegreiflich blieben.
“Alemão ...”, sagte ich dann noch und zeigte dabei auf mich.
“Alemán ... pah ...” Der Reiter wedelte mit der Hand und spuckte dann aus. Ich ließ mir nicht anmerken, dass ich die Beleidigung wohl bemerkt hatte, sondern stellte mich weiterhin dumm. Was die Kerle wollten, war mir längst klar.
“¡Pico!”, schrie er jetzt zu den anderen und winkte einen von ihnen herbei.
Picos Gesicht unter dem Helm war nass vor Schweiß. Der kleine, bedauernswert abgemagerte Gaul konnte seinen Reiter kaum tragen, dessen Kürass eine Sonderanfertigung sein musste. Aus dem Eisen dieses Harnischs hätte jeder gute Waffenschmied normalerweise drei gemacht. Der Kerl war so dick wie ein gemästeter Ochse, nur dass mir Ochsen lieber sind, vor allem gebraten auf meinem Teller.
“Du Reiter gesehen ... kommen vorbei ... äh ... sable ...”, Pico sprach ein etwa so passables Deutsch wie meine Mixtur auch geklungen haben mag. ‚Sable’ verstand ich, er meinte den Säbel des einzelnen Reiters, der mich kurz zuvor überholt hatte, um sich dann, die Deckung meines Wagens nutzend, seitlich in die Büsche zu schlagen. Es hatte keinen Sinn zu leugnen, natürlich hatte ich den Reiter gesehen. Also nickte ich langsam, so als würde mir erst jetzt klar, was man von mir wolle. Sollten sie mich ruhig für einen Idioten halten. Gegen das knappe Dutzend dieser Burschen hätte ich ohnehin nichts ausrichten können.
“Und lang wo?”, fragte Pico und seine kleinen, zusammengekniffenen Äuglein in dem feuchtglänzenden Gesicht bekamen einen stechenden Ausdruck.
“Äh, aí – lá ... da – dort”, sagte ich und wies mit weit ausgestrecktem Arm geradeaus, um ihn dann jäh nach rechts herumzuschwenken. Dort hinten konnte ich die Ruine einer Windmühle erkennen, deren Flügel wie das Gerippe eines vor langer Zeit verendeten Tieres in das Blau des Himmels ragte.
Der Anführer, der zuvor auf mich eingeredet hatte, sah mich kurz an, dann in die von mir gewiesene Richtung und stieß einen scharfen Befehl aus. Grußlos hetzten sie wieder los, wobei das arme Pferdchen des dicken Pico sofort die Nachhut bildete, obwohl der Reiter versuchte, ihm die Sporen zu geben. Aber seine Oberschenkel waren wie Baumstämme und so stieß er mit seinen Hacken einfach nur Löcher in die Luft. Ich schnalzte leise mit der Zunge, damit sich auch das Pferd vor meinem Wagen wieder in Bewegung setzte. Ein Geräusch hinter mir ließ mich herumfahren.
“Langsam ... und danke mein Freund ...”
Mit diesen Worten schwang sich der Reiter, dessentwegen ich angehalten worden war, von hinten auf die Ladefläche des Wagens und befestigte die Zügel seines Pferdes am Gestänge. Dann kroch er nach vorne zu mir und nahm neben mir Platz.
“Und jetzt hier nach links. Vorsicht es ist etwas holprig.” Mit diesen Worten griff er mir in die Zügel und dirigierte den Karren zwischen vertrocknetem Gestrüpp auf eine mit Steinen übersäte Randfläche eines Ackers. Direkt daneben ging es gut zehn Fuß steil nach unten in ein ausgetrocknetes Flussbett hinab.
“Nochmals danke, aber ich will nicht, dass die Soldaten ihrer Majestät, dich an meiner Stelle gefangen nehmen, sobald sie merken, dass du sie in die Irre geführt hast ...”
“Ich dachte”, stammelte ich noch völlig überrascht vom plötzlichen Wiederauftauchen, “du wärst längst über alle Berge. Lange genug aufgehalten habe ich sie jedenfalls ...”
Der Unbekannte neben mir lächelte. “Nein, nein. Ich war keinen Steinwurf von euch entfernt hinter den Büschen. Hättest du sie mir hinterher gehetzt, hätte ich sie mit ein paar Kugeln aus meinen Terzerols empfangen ...”, er klappte seinen Mantel zur Seite und ich sah mit einigem Staunen insgesamt vier kurze Handbüchsen darin stecken, zwei auf jeder Seite. “Man kann nie wissen”, sagte er, “vielleicht wäre eine der Kugeln unglücklich gegangen und hätte dich getroffen, statt meine Häscher. Halt! Hier herab ...”